This essay was written originally in Spanish. Its title is an allusion to a polemical poem by the Spanish playwright Lope de Vega, El Arte Nuevo de Hacer Comedias or The New Art of Making Comedies.
It has been published, in its complete version, for the first time in Plural No. 41, Mexiko City. 1975. Later, a slightly shortened, English version was published in Kontexts No 6/7, Amsterdam, 1975.
This version has been used for all ulterior publications and is also used, exept for some minor corrections, in this book. The same text was included in the catalogue Contents published on the occasion of my exhibition at Remont Gallery, Warsaw, 1976. It also appeared in the European Issue of Art Contemporary No 9, Vol. III No 1, San Francisco, 1977. A Polish translation was published in Linia February-March, Warsaw, 1977.
I've used this text as a basis for lectures in the CAYC (Centro de Art y Comunicacion), Buenos Aires, 1978, and in the Pinacoteca do Estado, Sao Paulo, 1978.
The English version of this and all other texts included in this book has been correctet by Michael Gibbs, Martha Hawley, and John Liggins

die neue kunst des büchermachens

ulises carrión

was ein buch ist

ein buch ist eine folge von räumen.

jeder dieser räume wird in einem bestimmten moment wahrgenommen - ein buch ist auch eine bestimmte folge von momenten.

ein buch ist kein behälter für wörter, weder eine tasche für wörter noch ein träger für wörter.

ein schriftsteller schreibt, im gegensatz zur landläufigen meinung, keine bücher.

ein schriftsteller schreibt texte.

die tatsache, daß text in einem buch enthalten ist, hängt nur von der menge eines solchen textes ab; bzw. bei einer serie von kurzen texten (bei gedichten z.b.) von ihrer anzahl.

ein literarischer text (prosa) in buchform ignoriert die tatsache, daß das buch eine autonome raum-zeit-folge darstellt.

eine serie mehr oder weniger kurzer texte (gedichte z.b.), die in einem buch nach einer bestimmten ordnung verteilt sind, verdeutlichen die sequenzhafte natur des buches.

sie verdeutlichen sie, vielleicht benutzen sie die sequenzhafte natur; aber sie ordnen sie nicht unter oder passen sie an.

geschriebene sprache ist eine folge sich im raum ausbreitender zeichen; das lesen der zeichen ereignet sich in der Zeit.

ein buch ist eine raum-zeit-folge.

bücher existierten ursprünglich als behälter literarischer texte.

bücher jedoch, als selbständige wirklichkeiten betrachtet, können jede (geschriebene) sprache, nicht nur die literarische sprache, sondern jedes andere zeichensystem enthalten.

unter den sprachen ist die literarische sprache (prosa und dichtung) nicht die für die natur des buches am besten geeignete.

ein buch mag der zufällige behälter eines textes sein, dessen struktur für das buch unrelevant ist: das sind die bücher der buchhandlungen und büchereien.

ein buch kann auch als autonome und autarke form existieren, indem es vielleicht einen text enthält, der seine form betont, einen text, der einen organischen bestandteil der form bildet: hier beginnt die neue kunst des büchermachens.

in der alten kunst fühlt sich der schriftsteller nicht für das eigentliche buch verantwortlich. er schreibt den text. der rest wird von gehilfen, künstlern, arbeitern und anderen gemacht.

in der neuen kunst stellt das schreiben des textes nur das erste glied in der kette zwischen schriftsteller und leser dar. in der neuen kunst übernimmt der schriftsteller die verantwortung für den ganzen prozeß.

in der alten kunst schreibt der schriftsteller texte. in der neuen kunst macht der schriftsteller bücher.

ein buch machen bedeutet, seine ideale raum-zeit-folge durch die schaffung einer synchronen zeichenfolge, seien es verbale oder andere zeichen, zu verwirklichen.


prosa und dichtung

in einem alten buch sind alle seiten gleich.

beim schreiben des textes verfolgte der schriftsteller nur die konsequenten gesetze der sprache, die nicht die konsequenten gesetze des buches sind.

wörter können auf jeder seite verschieden sein; aber jede seite bleibt dabei als solche identisch mit den vorhergehenden und den folgenden.

in der neuen kunst ist jede seite anders; jede seite ist ein individualisiertes element einer struktur (dem buch), in der sie eine bestimmte aufgabe zu erfüllen hat.

in gesprochener und geschriebener sprache ersetzen pronomen die substantive, um so ermüdende, überflüssige wiederholungen zu vermeiden.

wer spielt in einem buch, das aus mehreren elementen, zeichen und auch aus sprache besteht, die rolle der pronomen, um so ermüdende, überflüssige wiederholungen zu vermeiden?

dies ist ein problem der neuen kunst, das als solches von der alten kunst noch nicht einmal wahrgenommen wurde.

ein buch mit 500 seiten, oder mit 100 seiten, oder auch nur mit 25 seiten, in dem alle seiten ähnlich sind, ist ein langweiliges buch, unabhängig davon, wie spannend auch der inhalt der worte im text sein mag, der auf die seiten gedruckt wurde.

(anmerkung des autors; entsprechend diesem statement müßte dieser text langweilig sein. wirklich, ich glaube es.)

ein roman, ob von einem genialen schriftsteller oder einem drittklassigen autor geschrieben, ist ein buch, in dem nichts passiert.

es gab und wird immer leute geben, die gerne romane lesen. es wird aber auch immer leute geben, die gerne schach spielen, schwätzen, mambo tanzen oder erdbeeren mit schlagsahne essen.

im vergleich zu romanen, in denen gar nichts passiert, passiert in gedichtbänden manchmal etwas, wenn gleich nur wenig.

ein roman ohne großbuchstaben, oder in verschiedenen schrifttypen gesetzt, oder mit eingestreuten chemischen formeln usw, bleibt ein roman, das heißt ein langweiliges buch, das vorgibt, es nicht zu sein.

ein gedichtband enthält gleich viele oder mehr wörter als ein roman, benutzt aber schließlich den realen, den physikalischen raum, in dem diese wörter in einer stärker beabsichtigten, zwingenderen und tieferen weise vorkommen.

das ist deshalb so, weil notwendigerweise beim übertragen von dichtung auf papier die gesetzmäßigkeiten, die der poetischen sprache eigen sind, typografisch übersetzt werden müssen.
die umsetzung von prosa benötigt wenige dinge: zeichensetzung, großbuchstaben, verschiedene zeilenlänge, usw.

all diese gepflogenheiten sind einzigartige und besonders schöne entdeckungen, aber wir beachten sie nicht mehr, da wir sie tatsächlich benutzen.

die umsetzung von dichtung, als einer besonders sorgfältig ausgearbeiteten sprache, benötigt die üblichen zeichen viel weniger. die reine notwendigkeit, zeichen zu erfinden, die die umsetzung der dichterischen sprache ermöglichen, lenkt unsere aufmerksamkeit auf eine einfache tatsache: ein gedicht zu papier zu bringen, ist eine ganz andere sache, als es in gedanken niederzuschreiben.

gedichte sind lieder, erzählen die dichter immer wieder, aber sie singen sie nicht. sie schreiben sie.

gedichte sollten laut vorgetragen werden, sagen sie, aber sie sprechen sie nicht laut, sie publizieren sie.

tatsache ist, daß dichtung, wie sie normalerweise vorkommt, geschriebene und gedruckte, aber nicht gesungene und gesprochene dichtung ist. und dennoch hat die dichtung dabei nichts eingebüßt.

im gegenteil, die dichtung hat dabei etwas gewonnen: eine räumliche realität, die der ach so beklagenswerten gesungenen oder gesprochenen dichtung abgeht.


der raum

seit jahren, seit vielen jahren, haben die dichter die räumlichen möglichkeiten der dichtkunst intensiv und wirkungsvoll ausgeschöpft.

aber nur die sogenannte konkrete bzw. später die visuelle poesie hat dies öffentlich zugegeben.

verse, die halb in der seite enden, verse, die unterschiedlich weit vom rand weg sind, verse, die vom folgenden vers durch einen größeren oder kleineren zwischenraum getrennt sind - all dies sind ausnutzungen des raumes.

damit ist nicht gesagt, daß ein text deshalb zur dichtung wird, weil er den raum in dieser oder jener weise ausnutzt, sondern das benutzen des raumes ist ein charakteristikum geschriebener dichtung.

der raum ist die musik der ungesungenen dichtung.

die einführung des raumes in die dichtung (oder eher der dichtung in den raum) stellt ein enormes ereignis mit unberechenbaren literarischen folgen dar.

eine dieser folgen ist die konkrete und/oder visuelle poesie. ihr erscheinen stellt innerhalb der literaturgeschichte kein besonderes ereignis dar. die sprache jedoch hat dadurch, seit der erfindung der schrift, an natürlicher und unvermeidlicher stärke gewonnen.

die dichtung herkömmlicher art benutzt den raum, jedoch zaghaft.

diese dichtung begründet eine inter-subjektive kommunikation.

inter-subjektive kommunikation ereignet sich in einem abstrakten, idealen, unfaßbaren raum.

in der neuen kunst (hierfür ist die konkrete poesie nur ein beispiel) bleibt die kommunikation noch inter-subjetiv, sie spielt sich aber in einem konkreten, wirklichen, physikalischen raum ab - der seite.

ein buch ist ein volumen im raum.

dies ist der wahre grund für die kommunikation, die durch worte stattfindet - sie ist hier und jetzt.

konkrete poesie repräsentiert eine alternative zur dichtung.

bücher, als eigenständige raum-zeit-folgen betrachtet, bieten eine alternative zu allen existierenden literarischen gattungen.

raum existiert außerhalb der subjektivität.

wenn zwei subjekte im raum kommunizieren, dann bildet der raum ein element dieser kommunikation. raum verändert diese kommunikation. raum zwingt der kommunikation seine eigenen gesetze auf.

gedruckte worte sind in bezug auf das buch gefangen.

was hat mehr bedeutung: das buch oder der text den es enthält?

was war zuerst da: das küken oder das ei?

die herkömmliche kunst setzt voraus, daß gedruckte wörter auf einem idealen raum gedruckt sind.

die neue kunst weiß, daß bücher als objekte einer außerhalb liegenden wirklichkeit existieren und konkreten bedingungen unterworfen sind wie wahrnehmung, existenz, austausch, konsum usw. etc.

die eigentliche verdinglichung der sprache kann in einem isolierten zeitpunkt und einem isolierten raum erfahren werden - der seite; oder aber in einer folge von räumen und zeitpunkten - dem "buch".

dort ist keine und wird es auch weiter keine neue literatur mehr geben.

dort wird es vielleicht neue wege der kommunikation geben, die die sprache erhalten werden oder die sprache als ausgangsbasis benutzen.

als ein mittel der kommunikation wird literatur immer alte literatur bleiben.


die sprache

sprache übermittelt ideen, d.h. geistige bilder.

der ausgangspunkt einer übermittlung geistiger bilder ist immer eine absicht: wir reden, um ein bestimmtes bild zu übertragen.

die umgangssprache und die sprache der herkömmlichen kunst haben folgendes gemeinsam: beide sind intentional, beide wollen bestimmte geistige bilder übertragen.

in der herkömmlichen kunst sind die bedeutungen der wörter die träger der absichten des autors.

so wie die letzte bedeutung der wörter undefinierbar ist, bleibt des autors absicht unergründlich.

jede absicht setzt einen zweck voraus, eine nützlichkeit.

die umgangssprache ist voller absichten, das heißt nützlich; ihre aufgabe ist es ideen und gefühle zu übermitteln, zu erklären, aufzuklären, zu überzeugen, heraufzubeschwören, anzuklagen, usw.

die sprache der herkömmlichen kunst ist ebenso absichtsvoll, d.h. nützlich. beide sprachen unterscheiden sich von einander nur in ihrer form.

die sprache der neuen kunst unterscheidet sich radikal von der alltagssprache. sie vernachlässigt die absichten und die nützlichkeit, und kehrt zu sich selbst zurück, sie untersucht sich selbst, hält ausschau nach formen, nach serien von formen, die den raum-zeit-folgen die geburt ermöglichen, um sich mit ihnen zu verbinden und sich in ihnen zu entfalten.

die wörter in einem neuen buch sind nicht die träger der nachricht, noch die mundstücke der seele, noch der fluß der kommunikation.

sie wurde schon von hamlet benannt, einem gierigen leser von büchern: wörter, wörter, wörter.

die wörter in einem neuen buch sind nicht da, um gewisse geistige bilder mit einer gewissen absicht zu übertragen.

sie sind dazu da, um zusammen mit anderen zeichen eine raum-zeit-folge zu bilden, die wir mit dem begriff "buch" identifizieren.

die wörter in einem neuen buch mögen des autors oder eines anderen wörter sein.

ein schriftsteller der neuen kunst schreibt sehr wenig oder er schreibt gar nichts mehr.

das schönste und perfekteste buch der welt ist ein buch, das nur aus weißen seiten besteht, ganz ähnlich wie die vollständigste sprache diejenige ist, die jenseits von alledem liegt, was menschliche sprache sagen kann.

jedes buch der neuen kunst sucht nach einem buch der absoluten weisheit, genauso wie jedes gedicht nach ruhe strebt.

die absicht ist die mutter der rhetorik.

wörter können nicht vermeiden, etwas zu bedeuten, sie können aber der absichtlichkeit beraubt werden.

eine nicht auf absichten ausgerichtete sprache ist eine abstrakte sprache: sie läßt sich keiner konkreten wirklichkeit zuordnen.

paradox: um imstande zu sein, sich selbst konkret darzustellen, muß sprache zuerst abstrakt werden.

abstrakte sprache bedeutet, daß wörter nicht mit einer bestimmten absicht verknüpft werden; daß das wort "rose" weder die rose ist, die ich sehe, noch die rose, die ein mehr oder weniger erdichteter charakter zu sehen beansprucht.

in der abstrakten sprache der neuen kunst ist das wort "rose" das wort "rose". es bezeichnet alle rosen und es bezeichnet keine von ihnen.

wie gelingt es, ein rose zu erschaffen, die nicht meine rose ist, noch seine rose ist, aber jedermanns rose, d.h. niemandes rose?

indem man sie in eine sequenzhafte struktur einbaut (z.b. in ein buch), so daß sie kurzzeitig aufhört, eine rose zu sein und zu einem wesentlichen element der struktur wird.


strukturen

jedes wort existiert als element einer struktur: ein satz, ein roman, ein telegramm.

oder: jedes wort ist teil eines textes.

niemand oder nichts existiert in isolation: alles ist ein element einer struktur.

jede struktur ist für sich genommen wieder ein element einer anderen struktur.

alles existierende ist eine struktur.

um etwas verstehen zu können, ist es notwendig, die struktur von dem zu verstehen, von dem das etwas ein teil ist und/oder die elemente zu verstehen, die die struktur von diesem etwas bilden.

ein buch besteht aus verschiedenen elementen, eines von ihnen mag der text sein.

ein text, der teil eines buches ist, ist nicht notwendigerweise der wesentlichste oder der wichtigste teil dieses buches.

jemand mag in den buchladen gehen und zehn rote bücher kaufen, weil ihre farben mit den anderen farben im wohnzimmer gut harmonieren oder auch aus anderen gründen, wobei die unwiderlegliche tatsache deutlich wird, daß bücher eine farbe haben.

in einem buch der herkömmlichen kunst vermitteln wörter die absicht des autors. deshalb wählt er sie sorgfältig aus.

in einem buch der neuen kunst übermitteln wörter überhaupt keine absicht, sie werden benutzt um einen text zu bilden, der ein element des buches darstellt, und dieses buch, als ganzheit betrachtet, übermittelt die absicht des autors.

das plagiat in der neuen kunst der ausgangspunkt für eine kreative handlung.

wann immer die neue kunst ein einzelnes wort benutzt, befindet es sich in absoluter isolation: bücher mit einem einzigen wort.

die autoren der herkömmlichen kunst besitzen die gabe für sprache, das talent für sprache, das geschick für sprache.

für die autoren der neuen kunst stellt die sprache ein rätsel, ein problem dar; das buch deutet auf wege hin, es zu lösen.

in der herkömmlichen kunst schreibt man "ich liebe dich", wobei man annimmt, daß dieser satz "ich liebe dich" bedeutet.

(aber: was mag wohl "ich liebe dich" bedeuten?)

wenn wir in der neuen kunst schreiben "ich liebe dich", sind wir uns dessen bewußt, daß wir nicht wissen, was es bedeutet. man schreibt diesen satz als einen teil eines textes, wobei man zum selben ergebnis kommen würde, wenn man "ich hasse dich" schreibt.

das entscheidende dabei ist, daß dieser satz "ich liebe dich" oder "ich hasse dich" als text in der struktur des buches eine gewisse funktion erfüllt. in der neuen kunst liebt man niemanden.

die herkömmliche kunst beansprucht für sich zu lieben.

in der neuen kunst kann man niemanden lieben. nur im wirklichen leben kann man jemanden lieben.

nicht daß es der neuen kunst an leidenschaften mangelt.

all ihr blut fließt aus der wunde, die die sprache den menschen zugefügt hat.

und es ist ebenso die freude daran, fähig zu sein, etwas mit allem, mit jedem, mit fast nichts, mit nichts auszudrücken.

in der herkömmlichen kunst wird unter den literarischen gattungen und formen jene ausgewählt, die zu der absicht des autors am besten paßt.

seit der autor keine andere absicht mehr hat, als die fähigkeit der sprache zu testen, etwas zu bedeuten, benutzt die neue kunst jegliche daseinsform von sprache.

der text in einem buch der neuen kunst kann sowohl ein roman sein als auch ein einzelnes wort, sonette so gut wie witze, liebesbriefe so gut wie wetterberichte.

genau wie in der herkömmlichen kunst die absicht des autors letztlich unergründlich und der sinn seiner worte undefinierbar bleibt, so bleibt das verständnis des lesens unmeßbar.

in der neuen kunst prüft das lesen selbst, inwieweit der leser verstanden hat.


das lesen

um herkömmliche kunst lesen zu können, genügt es, das alphabet zu kennen.

um neue kunst lesen zu können, muß man das buch als struktur begreifen, seine elemente erkennen und deren funktion verstehen.

man könnte die herkömmliche kunst lesen, in dem glauben, daß man sie verstünde, und sich dabei irren.

solch ein mißverständnis ist in der neuen kunst unmöglich. man kann nur lesen, wenn man versteht.

in der herkömmlichen kunst werden alle bücher in der gleichen weise gelesen.

in der neuen kunst erfordert jedes buch eine andere art zu lesen.

in der herkömmlichen kunst benötigt man zum lesen der letzten seite die gleiche zeit wie zum lesen der ersten seite.

in der neuen kunst wechselt der leserhythmus, wird bewegt und beschleunigt.

um ein buch der herkömmlichen kunst zu verstehen und zu schätzen, ist es notwendig, es gründlich durchzulesen.

in der neuen kunst ist es oftmals nicht notwendig, das gesamte buch zu lesen.

das lesen mag in dem moment aufhören, wenn man die gesamte struktur des buches verstanden hat.

die neue kunst ermöglicht es schneller als mit "schnell-lese-methoden" zu lesen.

es gibt schnell-lese-methoden, da die schreib-methoden zu langsam sind.

die herkömmliche kunst schenkt dem lesen keine beachtung.

die neue kunst schafft spezielle lesebedingungen.

das äußerste, zu dem die herkömmliche kunst gelangt ist, ist seine leser zu bewerten, was zu weit geht.

die neue kunst behandelt ihre leser nicht unterschiedlich; sie richtet sich nicht an die buchsüchtigen oder versucht nicht, ihr publikum vom fernseher wegzustehlen.

um fähig zu werden, die neue kunst zu lesen und sie zu verstehen, muß man keine fünf jahre in der germanistischen fakultät zugebracht haben.

um hochgeschätzt zu werden, benötigen die bücher der neuen kunst in sachen liebe, politik, psychologie, geografie usw. keinen sentimentalen und/oder intellektuellen beistand der leserschaft.

die neue kunst richtet sich an die fähigkeit, die jeder zum verstehen und erfinden von zeichen und zeichensystemen besitzt.

übersetzt von hubert kretschmer, darmstadt 1982
ursprüngliche fassung des textes in spanischer sprache. erstmals 1975 in mexiko veröffentlicht. die deutsche übersetzung erfolgte nach der englischen version aus dem buch: ulises carrión, second thoughts, void distributers, amsterdam 1980.
ulises carrión, geb. 1941 in mexiko, 1970 übersiedelung nach holland, eröffnet 1975 sein "other books and so archiv" in amsterdam, publiziert von 1977-78 die zeitschrift ephemera und beginnt 1978 sein errata mail international system.
u.c. starb im oktober 1989 in amsterdam.
copyright für die übersetzung: ulises carrión und hubert kretschmer.

Veröffentlicht in der Kunstzeitschrift WOLKENKRATZER im Okt./Nov 1982, Nr 3/82

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